• kuenstliche-befruchtung-titelbild

    Künstliche Befruchtung – Herausforderung und Chance

Der Kampf um das Wunschkind

Spielende Kinder im Park, das süße Neugeborene der Nachbarin, die Sehnsucht nach einer eigenen Familie – es gibt viele Auslöser für einen Kinderwunsch. Doch nicht immer klappt es mit einer Schwangerschaft: Etwa jedes zehnte Paar in Deutschland ist ungewollt kinderlos. Dank künstlicher Befruchtung ist es in den letzten Jahrzehnten möglich geworden, dass der Wunsch nach einem eigenen Kind nicht unerfüllt bleiben muss. Von dieser spannenden Reise und ihren Hindernissen erzählen Lena Held und Nancy Mergenthaler.

Am zweiten Geburtstag ihres dritten Kindes spürt Lena Held, dass noch jemand in ihrer Familie fehlt. Es fühlt sich zunächst komisch an – sie hat doch schon drei wundervolle Töchter, die sie über alles liebt. Erst behält sie ihren Kinderwunsch für sich. Sie weiß einfach nicht, wie sie es ihrem Mann beibringen soll: „Ich habe mich innerlich zu­rück­ge­zo­gen, aber in einem Streit ist es dann aus mir herausgeplatzt. Doch er meinte, dass er sich ebenfalls ein viertes Kind vorstellen kann. Ich war überrascht und glücklich“, berichtet sie. Beiden ist jedoch von Anfang an klar, dass sie um dieses vierte Kind kämpfen müssen. Lenas Mann hatte während ihrer dritten Schwangerschaft eine Vasektomie – er kann also keine Kinder mehr zeugen: „Das war damals eine spontane Entscheidung von uns. Ich habe alle Kinder per Kaiserschnitt zur Welt gebracht und die Schwangerschaften waren auch sehr belastend. Mein Mann wollte mich einfach vor einer weiteren, schwierigen Schwangerschaft schützen“, sagt Lena. Heute bereuen beide diesen Eingriff. Denn die Wahrscheinlichkeit, auf natürlichem Weg ein weiteres Kind zu bekommen, geht gegen Null.

Unerfüllter Kinderwunsch – was nun?

Als Erstes machen Lena und ihr Mann einen Termin beim Urologen aus, um ein Spermiogramm erstellen zu lassen. Dabei wird das männliche Ejakulat untersucht, um Rückschlüsse auf die Samenqualität und die Zeugungsfähigkeit des Mannes zu ziehen. Wie von Lena befürchtet, ist das Spermiogramm so schlecht, dass eine natürliche Befruchtung nahezu ausgeschlossen werden kann. Sie sind enttäuscht, lassen sich aber nicht entmutigen. Noch dieses Jahr steht ein Termin in einer Kinderwunschklinik an, um über eine künstliche Befruchtung zu sprechen. Vor der Behandlung hat Lena keine Angst; ihr größtes Hindernis auf dem Weg zum Wunschkind liegt woanders: „Kinderwunschbehandlungen können sehr teuer werden. Weil wir uns freiwillig für die Vasektomie entschieden hatten, müssen wir eine künstliche Befruchtung komplett selbst bezahlen. Das Geld haben wir einfach nicht übrig.“ In der Tat kann eine Kinderwunschbehandlung mehrere tausend Euro kosten. Die meisten Krankenkassen zahlen einen Anteil. Manche Bundesländer bieten unter bestimmten Voraussetzungen eine finanzielle Unterstützung an. Dass die künstliche Befruchtung kein Tabuthema mehr ist, zeigt sich auch an den Servicepaketen, die rund um das Thema angeboten werden – so zum Beispiel das Serviceangebot „Kinderwunsch" der UKV.

Reproduktionsmedizinische Behandlungsmöglichkeiten

Die Behandlungsmöglichkeiten der Fortpflanzungsmedizin sind mit vielen Hoffnungen verbunden. Den Paaren stehen verschiedene Möglichkeiten offen, um sich letztendlich ihren Kinderwunsch zu erfüllen.
Hormonelle Stimulation
  • Vorgehensweise: Es werden Präparate verabreicht, die das Hormon LH (Luteinisierendes Hormon) oder das Hormon FSH (Follikelstimulierendes Hormon) enthalten. Diese Hormone regen die Eizellreifung an. Ist der Follikel groß genug, wird der Eisprung mit einem weiteren Hormon, dem humanen Choriongonadotropin (hCG), ausgelöst.
Insemination
  • Vorgehensweise: Der Eisprung wird durch Hormonstimulation ausgelöst. Kurz danach wird der Samen durch einen dünnen Schlauch (Katheter) in die Gebärmutter eingebracht. Wird eingesetzt bei: mäßig eingeschränkter Samenqualität, Antikörpern gegen Samenzellen, Problemen am Gebärmutterhals (Zervix), länger bestehender unerklärbarer Unfruchtbarkeit
In-Vitro Fertilisation (IVF)
  • Vorgehensweise: IVF steht für die Befruchtung außerhalb des Körpers (in vitro = im Glas, gemeint sind Laborschälchen). Nach einer hormonellen Stimulation der Eierstöcke und dem Auslösen des Eisprungs werden reife Eizellen aus den Eierstöcken entnommen. Dies geschieht unter Ultraschallbeobachtung mithilfe einer feinen Nadel (Punktion). Die Eizellen und die Samenflüssigkeit des Partners werden dann im Labor in einer Nährlösung zusammengebracht. Findet eine Befruchtung und Zellteilung statt, werden ein bis zwei, maximal drei, Embryonen in die Gebärmutter zurückgegeben. Wird eingesetzt bei: Problemen der Eileiter, verminderter Befruchtungsfähigkeit der Spermien, starker Endometriose, länger bestehender ungeklärter Unfruchtbarkeit.
Intrazytoplasmatische Insemination (ICSI)
  • Vorgehensweise: Die ICSI ist die häufigste Methode der künstlichen Befruchtung. Sie wird angewendet, wenn die Samenzellen weder im Eileiter noch im Laborglas eine Eizelle befruchten können. Bei dieser Methode wird eine Samenzelle mithilfe einer extrem feinen Nadel direkt in eine zuvor entnommene Eizelle injiziert. Das vorausgehende Verfahren entspricht dem der IVF-Methode: Die reifen Eizellen werden nach einer Hormonstimulation aus den Eierstöcken entnommen. Hat eine Befruchtung und Zellteilung stattgefunden, werden auch bei dieser Methode ein bis zwei, maximal drei, Embryonen in die Gebärmutter zurückgegeben. Wird eingesetzt bei: erfolglosem IVF-Versuch, stark eingeschränkter Befruchtungsfähigkeit der Spermien.
Operative Spermiengewinnung aus Hoden/Nebenhoden (TESE/MESA)
  • Vorgehensweise: Es kann vorkommen (etwa bei Samenleiterverschlüssen), dass die Hoden zwar Samenzellen produzieren, sie aber nicht ins Ejakulat des Mannes gelangen. Dann ist es möglich, Samenzellen direkt aus dem Hodengewebe oder den Nebenhoden zu gewinnen. Dafür werden bei einem chirurgischen Eingriff Gewebeproben aus den Hoden (Hodenbiopsie) oder Samenzellen aus den Nebenhoden entnommen. Meist genügt ein einziger Eingriff für mehrere Proben, da sich das Gewebe tiefgefrieren lässt (Kryokonservierung) und somit für mehrere Behandlungsversuche verfügbar ist.
Eine weitere Möglichkeit ist eine Samenspende, die in Deutschland laut dem Embryonengesetz (1990) erlaubt ist. Eizellenspenden und Leihmutterschaften sind hingegen in Deutschland gesetzlich verboten.
Quelle: www.familienplanung.de (in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung)

Der lange Weg zum Wunschkind

Lena muss sich noch gedulden: „Mein Kopf sagt: Wart’s ab, irgendwann haben wir das Geld. Doch mein Herz sagt: Ich möchte das Kind jetzt sofort. Ich kann diesen Wunsch nicht abstellen. Im Gegenteil: Er wird immer stärker.“ Mit diesen Gedanken ist Lena nicht alleine: Ungeduld, Druck und Anspannung sind Gefühle, die viele Paare mit Kinderwunsch kennen. Kein Wunder – oft wünschen sich Paare schon monatelang ein Baby, bevor sie die Ursache für ihre Kinderlosigkeit herausfinden. Mediziner raten dazu, erst nach einem Jahr erfolgloser Versuche nach medizinischen Gründen zu forschen, warum es mit einer Schwangerschaft einfach nicht klappen will: Stimmt etwas nicht mit dem Hormonhaushalt der Frau? Liegt es an der Spermienqualität des Mannes? Oder gibt es ganz andere Ursachen?

Ursachen für einen unerfüllten Kinderwunsch

Ein Paar gilt laut der Weltgesundheitsorganisation dann als unfruchtbar, wenn die Frau nach über einem Jahr trotz regelmäßigem Geschlechtsverkehr nicht schwanger wird. In ca. 25 % der Fälle liegt die Ursache bei der Frau, in etwa 30 % beim Mann und in ungefähr 40 % der Fälle bei beiden. Wenn sich weder beim Mann noch bei der Frau Erklärungen für die ungewollte Kinderlosigkeit finden lassen, spricht man von idiopathischer Sterilität (ungeklärter Unfruchtbarkeit).

Folgende Ursachen können zu einer Unfruchtbarkeit führen:

Organische Störungen
  • Geschlechtskrankheiten, Sexual- oder Hormonstörungen
  • Krankheiten der Eierstöcke, der Eileiter, des Gebärmutterhalses oder der Gebärmutter
  • nicht genügend intakte und bewegliche Samenzellen beim Mann
Äußere Faktoren
  • Stress
  • starkes Über- oder Untergewicht
  • schwerste körperliche Arbeit
  • Konsum von Zigaretten, Alkohol und Drogen
Nancy Mergenthaler wollte nicht ein ganzes Jahr warten. Pünktlich zu ihrer Hochzeit setzt sie die Pille ab. Doch sie wird einfach nicht schwanger: „Schon nach ein paar erfolglosen Zyklen haben wir dann alle möglichen Ursachen abgeklopft. Bald war klar, dass wir auf natürlichem Weg kein Baby bekommen können“, erzählt sie. Das Paar macht einen Termin mit einer Kinderwunschklinik und beschließt gemeinsam mit den Ärzten, eine ICSI-Behandlung durchzuführen: „Es war ein ganz besonderer Moment, als ich mit der Hormonbehandlung zur Vorbereitung der künstlichen Befruchtung begann. Im Kinderwunschjargon spricht man von einem Glückszyklus, wenn in diesem bestimmten Zyklus ein Kind entsteht. Ich wusste einfach schon am ersten Tag der Behandlung: Das ist unser persönlicher Glückszyklus.“ Und tatsächlich: Die künstliche Befruchtung wird anschließend erfolgreich durchgeführt. Um die Schwangerschaft letztendlich einzuleiten, müssen die Embryonen in Nancys Gebärmutter eingesetzt werden: „Mein Mann erzählt heute noch davon, wie er diese zwei winzigen Pünktchen im Katheter gesehen hat und wusste, dass dies unsere Zwillingskinder sind. Mit diesen zwei Pünktchen begann die Beziehung zu unseren Kindern.”

Aus einem Kinderwunschpaar werden glückliche Eltern

Heute sind die Zwillinge – ein Junge und ein Mädchen – drei Jahre alt. Wenn Nancy von ihren Kindern erzählt, beginnen ihre Augen zu leuchten. Sie ist eine stolze Mama, die den Kampf um ihre Wunschkinder gewonnen hat: „Wenn man sehr lange um etwas kämpfen muss, ist einem jeden Tag bewusst, wie kostbar das Errungene ist. So geht es mir mit meinen Kindern: Ich bin einfach extrem dankbar, dass ich die Schwangerschaft gesund über die Bühne gebracht habe und sie da sind. Wir gehen sehr achtsam miteinander um und die Bindung zu ihnen bedeutet meinem Mann und mir alles.“ Mit ihrem Blog „deinwunderkind“ möchte sie anderen Paaren Mut machen und sie auf ihrem Weg zum Wunschkind unterstützen. Sie hat sich auch schon Gedanken gemacht, ob sie ihren Kindern von der künstlichen Befruchtung erzählen wird: „Ich denke mir: Warum nicht? Es steckt so viel Liebe darin, wenn Kinder auf diesem Weg entstehen. Es ist doch ein Geschenk für Kinder, wenn sie erfahren, dass ihre Eltern mit aller Macht um sie gekämpft haben.“

Psychologische Tipps während der Kinderwunschzeit

  • Akzeptanz
    Eine Achterbahn der Gefühle ist normal: Hoffnung und Enttäuschung wechseln sich ab. Auch Neid auf Schwangere ist eine natürliche Gefühlsreaktion. Man muss sich nicht (nur) freuen, wenn die Schwester das vierte Kind bekommt. Negative Gefühle sind okay. 
  • Suche nach Verbündeten
    Ungewollte Kinderlosigkeit betrifft viele Paare. In den sozialen Medien gibt es vielzählige Austauschmöglichkeiten, z. B. Gruppenchats oder Foren.
  • Psychologische Beratung
    Ein unerfüllter Kinderwunsch gehört zu den existenziellen Lebenskrisen. Es ist vollkommen normal, wenn Frauen oder Männer sich stark belastet fühlen. Für Kunden bietet die UKV ein Selbsthilfeprogramm als Online-Therapie an: Das Notfall-Management „Seele“ der UKV ist Ihre digitale Anlaufstelle, um unkompliziert Hilfe zu erhalten.