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    Physiotherapie nach Schlaganfall

    Das Leben neu lernen

Physiotherapie nach einem Schlaganfall – für viele Betroffene die einzige Chance, wieder ein normales Leben führen zu können. Denn oft gehorcht ihnen nach diesem Schicksalsschlag ihr Körper nicht mehr. Fähigkeiten, die früher so selbstverständlich waren, müssen sie neu lernen.

Sprechen und Laufen etwa. Verursacht wird die plötzlich auftretende Durchblutungsstörung im Hirn in 85 Prozent der Fälle durch einen Gefäßverschluss, seltener durch eine Hirnblutung.

Bei der Schlaganfall-Therapie geht es nicht nur darum, körperlich verloren gegangene Fähigkeiten möglichst wieder herzustellen. Sondern Betroffene zu motivieren, ihre ganze Kraft zu mobilisieren und sich neu zu orientieren.

Tom Franke kämpfte sich 2012 nach seinem Schlaganfall im Alter von 52 Jahren zurück ins Leben. Von der Karate- verschlug es ihn auf die Yogamatte. Heute macht er als Coach anderen Betroffenen Mut.

Tom Franke ist 52, aktiv im Karatesport und als Vertriebler auf der Überholspur unterwegs. Und „chronisch angetrieben sowie chronisch gereizt“, wie er sagt. Hinter ihm liegt eine schmerzhafte Trennung von Frau und Kind. Da kommt die Geburtstagsfeier kurz vor Weihnachten gerade recht.
„Was ist los, du sprichst so komisch“, hört Tom Franke plötzlich seine Kollegin sagen, mitten in einer lockeren Unterhaltung am Stehtisch. Seine Zunge fühlt sich ungewohnt schwer an. Im nächsten Moment kippt der Kaffeebecher. Franke dreht sich um, will die braune Brühe noch wegwischen – doch dazu kommt es nicht.
Blitzschnell rauscht sein Chef an seine Seite, fängt ihn auf und manövriert ihn mit Unterstützung eines Kollegen auf einen Stuhl. Franke erinnert sich: „In diesem Moment ist eine Seite komplett ausgefallen, als hätte man mir längs mit einem Schwert den Körper durchtrennt.“

Was passiert bei einem Schlaganfall? | Gesundheitsportal Bund

Einen Schlaganfall zu überleben heißt eine zweite Chance zu bekommen

Die Kollegen, allesamt beschäftigt bei einer großen Krankenkasse, erkennen den Schlaganfall schnell und handeln ohne zu zögern. Franke hört, dass jemand den Notarzt verständigt. „Meine Sprache war weg, die Stimme war weg.“
Dabei hatte er soeben noch versucht, allein mit seiner rechten Körperhälfte zu tanzen, wird ihm sein Kollege später erzählen. Dass er halbseitig gelähmt ist, wird ihm erst so richtig klar, als er im Krankenhaus nach dem CT erwacht.
„Ich war durchgeknallt in mehrfacher Hinsicht. Auch das Denkvermögen war betroffen.“ Franke fühlt sich vollkommen hilflos. Nach zwei Tagen Koma und einer Nah-Tod-Erfahrung kommt er wieder zu sich – mit einer für ihn lebensverändernden Erkenntnis: „Du musst dein Leben ändern, aber von Grund auf.“

Schlaganfall: Dimension und Fakten

Jährlich erleiden 270.000 Menschen in Deutschland einen Schlaganfall, 70.000 davon zum wiederholten Mal. Immer jüngere Menschen sind betroffen:
Neuerkrankungsraten und Krankheitshäufigkeit steigen laut einer international durchgeführten Global Burden of Disease (GBD)-Studie bei der Gruppe der unter 70-Jährigen überproportional an – um 22 bzw. 15 Prozent, laut der Deutschen Gesellschaft für Neurologie e. V. möglicherweise infolge der gestiegenen Risiken.
Innerhalb von vier Wochen nach der Durchblutungsstörung im Hirn sterben 20 Prozent der Betroffenen. Der Schlaganfall gilt weltweit als zweithäufigste Todesursache.

Die meisten Schlaganfall-Risikofaktoren lassen sich beeinflussen

Ein ungünstiger Lebensstil ist eine der Hauptursachen für einen Schlaganfall. Ein Viertel der schwer Betroffenen überlebt den Hirninfarkt nicht.
Die, die es schaffen, verstehen den Schlaganfall vielfach als Warnschuss, ihre Gewohnheiten positiv zu verändern. Laut Deutscher Gesellschaft für Neurologie e.V. beruhen 87 Prozent der Schlaganfälle auf Risikofaktoren, die sich beeinflussen lassen.
 

Häufigste Schlaganfall-Ursachen

1. Bluthochdruck
2. Übergewicht
3. Diabetes mellitus
4. Umwelt-/Luftverschmutzung
5. Rauchen
6. Hoher Kochsalzkonsum

Schlaganfall-Symptome:

Hängt plötzlich ein Mundwinkel, ist die Sprache verwaschen? Das können wie starke Kopfschmerzen, Gangunsicherheiten oder Sehstörungen ernstzunehmende Schlaganfall-Symptome sein.
Am FAST-Test lässt sich der medizinische Notfall erkennen. Lautet nur eine Frage auf die folgenden Fragen „nein“, ist sofortige ärztliche Hilfe nötig!
face

Face (Gesicht):

Kann der oder die Betroffene lächeln, ohne dass das Lächeln schief wirkt?

arms

Arms (Arme):

Kann die betroffene Person beide Arme heben und die Handflächen nach oben drehen?

speech

Speech (Sprache):

Kann der oder die Betroffene einen einfachen Satz nachsprechen?

time

Time (Zeit):

Zeit ist der entscheidende Faktor für Schadensbegrenzung – wählen Sie beim geringsten Verdacht auf Schlaganfall unverzüglich 112! Bei Schluckstörungen auf freie Atemwege achten.

Gut zu wissen: Die Symptome können auch als Vorboten eines Schlaganfalls auftreten und zunächst wieder verschwinden. Auch diese Transitorische Ischämische Attacke (TIA) ist ein Notfall und erfordert umgehende ärztliche Versorgung!

Schlaganfall-Therapie:

„Die verlorene Lebensqualität können wir uns wiederholen“

Nach einem Schlaganfall werden Betroffene idealerweise in die Stroke-Unit eines Krankenhauses eingeliefert. Auf dieser neurologischen Intensivstation startet die Akutbehandlung.
Mario Schilhanek, Physiotherapeut im Marienhospital Stuttgart, erklärt: „Innerhalb der ersten 48 Stunden sind wir am Patienten, um zu befunden und um gleichzeitig mit der Therapie zu beginnen.“
Physiotherapie ist nicht nur Behandlung, sondern ergänzt die ärztlichen Untersuchungen und hilft, die Ausfälle zu identifizieren. Im Marienhospital versammelt sich ein erfahrenes interdisziplinäres Team aus Ärzt:innen, Physio- und Ergotherapeut:innen.
„Haben wir die Ansatzpunkte ermittelt, beginnen wir sofort mit der Physiotherapie. Abhängig davon, wie stabil der oder die Patient:in ist, starten wir noch im Stroke-Bereich oder im Therapiebereich“, berichtet Schilhanek.
„Ist beispielsweise plötzlich eine Körperseite gelähmt, machen wir den Patient:innen Mut: ‚Jetzt ist ein Stück Lebensqualität verloren gegangen, aber die können wir uns wiederholen.‘“ In der Akutphase kurz nach dem Schlaganfall gilt es, Fähigkeiten durch Übung wiederzuerlernen.
„Die Therapie kann sehr anstrengend sein, da stößt man durchaus auf Widerstand. Angenommen, der Patient ist 85 Jahre alt und hört von uns: ‚Sie müssen jetzt ein Jahr ranklotzen.‘
Da ist es an uns, eine Perspektive zu schaffen, die auf wichtige Lebensinhalte abzielt. Das kann bedeuten zurück in die eigene Wohnung zu kommen oder eine spezielle Wanderroute noch einmal zu schaffen.“

„Ich fühlte mich total hoffnungslos und wertlos.“

Tom Franke war überdurchschnittlich jung, als er den Schlaganfall erlitt. Doch auch seine Ausgangsposition empfand er als desolat: „Ich fühlte mich wie 4 Promille 24 Stunden am Tag.
Das war so ein dumpfes taubes Gefühl, ich hatte gar kein Verständnis dafür, was passiert ist und wie es weitergeht. Ich fühlte mich total hoffnungslos und wertlos.“ Eine Schockreaktion auf den tiefgreifenden Einschnitt.
Laut der Deutschen Hirnstiftung entwickelt sich bei etwa einem Drittel aller Betroffenen innerhalb eines Jahres nach dem Schlaganfall eine Depression.
Oft auch erst im Anschluss an die akute Phase, wenn die Situation weniger bedrohlich erscheint. Tom Franke blieb diese Folgeerkrankung glücklicherweise erspart. Er erinnert sich genau an die Momente, in denen er Hoffnung schöpfte.

O-Ton: „Geholfen hat mir die Aussage meiner Physiotherapeutin: Gewöhnen Sie sich nicht an den Rollstuhl!“

Nach 14 Tagen stand er wieder auf seinen eigenen Beinen. „Bis dahin durfte ich bei der Therapeutin kräftig leiden. Sie stellte immerhin fest, dass mein Karatetraining sich nun auszahlte und ich noch ganz schön Power hatte.“
Franke erzählt, wie er in der Physiotherapie auf grenzwertig fordernde Weise, aber mit einem Lächeln getriezt worden sei. „Am besten funktionierte bei mir: freundliche Art und klare Ansagen“, erklärt er. „Irgendwann habe ich entschieden, die Herausforderung anzunehmen. Ich wollte wieder auf die Karate-Matte!“
Schilhanek bestätigt aus der Praxis: „Man braucht viel Einsatz und Willen vom Patienten. Es gilt, die Möglichkeiten in der Akutphase auszureizen.“ Denn je besser die Verfassung vor der Entlassung ist, desto größer sind die Chancen auf einen Reha-Platz.
Denn die sind gerade für schwere Fälle rar. Leichter ist die Vermittlung, wenn nach dem Schlaganfall Physiotherapie bereits optimale Ergebnisse erzielt hat.
Tipp: In den durch­schnittlich sieben bis zehn Tagen Krankenhausaufenthalt stellt eine Kranken­haus­zusatz­ver­sicher­ung die optimale Versorgung wie freie Krankenhaus- und Arztwahl sicher – inklusive An­schluss­heil­be­hand­lungen und Reha-Tagegeld.
Der Reha-Service der Versicherungskammer Bayern greift Betroffenen unter die Arme, klärt die Finanzierung und beschleunigt Prozesse.

Nach Schlaganfall Reha: „liebevoll, aber knallhart“

An Frankes Krankenhausaufenthalt schlossen sich neun Wochen Reha an, „und zwar auf die liebevolle, aber auch knallharte Art“. Für seinen Traum, wieder an sein Hobby Karate anknüpfen zu können, ging er in dieser Zeit an seine körperlichen Grenzen.
„Die Wackelplatte, auf der ich Flexi-Bar-Stäbe halten musste, war eine Riesenherausforderung für mein Gleichgewicht“, erinnert er sich. Nach der Physiotherapie verspürte Franke oft bleierne Müdigkeit.
„Ein Zeichen dafür, wie aktiv Ihr Gehirn ist“, erklärte ihm die Therapeutin. Dank eisernem Willen machte er gute Fortschritte. Vor allem die Übungen auf dem Stepper trugen zu seiner Mobilisierung bei.
Innerhalb der ersten drei Monate nach einem Schlaganfall sind rund 36 Prozent der Patient:innen pflegebedürftig. Mehr als 6 Prozent der Betroffenen über 75 Jahren sind nach einem Schlaganfall dauerhaft beeinträchtigt.
Doch nicht für alle Schlaganfall-Patient:innen sind die konventionellen Maßnahmen der Physiotherapie, Ergo- und Sprachtherapie ausreichend. 21 Prozent sind vollständig auf fremde Hilfe angewiesen, um mobil zu sein.
Logo der Herz-Hirn-Allianz

Gemeinsam gegen die Todesursache Nummer 1

Wir wollen helfen die Anzahl der Schlaganfälle und weiteren Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu senken. Deswegen setzen wir uns seit diesem Jahr im Rahmen der Herz-Hirn-Allianz als erste private Krankenversicherung gemeinsam mit über 40 Partnern aus dem Gesundheitswesen für eine bessere Aufklärung und Vorsorge ein.  

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Dank Physiotherapie und Reha: 160 Kilometer Jakobsweg – und eine neue Berufung

Egal wie klein die Schritte sein mögen: Erfolgserlebnisse fördern die Entfaltung der inneren Kraft, dank der auch Tom Franke mit herkömmlicher Physiotherapie wieder neuen Lebensmut fasst.
Dennoch bedeutet ein Schlaganfall für die meisten Menschen einschneidende Veränderungen – Abschiede, aber auch Neuanfänge.
In den Karatesport findet Franke nicht dauerhaft zurück. Dafür zeigt er sich bald von fernöstlicher Bewegungslehre fasziniert. Zuerst entdeckt er Yoga, dann Tai Chi und schließlich Qi Gong für sich – und seine Berufung als Coach.
Franke ist überzeugt: „Wir sind die Erschaffer unseres Lebens, unserer Gedankenwelt.“ Mit dieser Haltung möchte er als „Leucht-Tom“ auch anderen Betroffenen Mut machen, sie begleiten. „Du lernst das Leben neu, von Grund auf.
Ich gebe niemals auf, gehe immer den nächsten Schritt.“ Auch wenn Frankes linke Seite noch nicht so flüssig funktioniert wie vor seinem Schicksalsschlag: Was eine positive Einstellung bewirken kann, beweist er fünfeinhalb Jahre nach Schlaganfall und Physiotherapie.
Franke läuft den Jakobsweg, 160 Kilometer mit 10 Kilogramm Gepäck. Sein deutliches Fazit zu seinem Schlaganfall: „Eine sch*** Verpackung, aber am Ende doch ein Geschenk.“

Internetseite Tom Franke:

https://www.positivdenken.jetzt/