• Diagnose Krebs – und dann?  Der Weg zurück ins Leben

    Diagnose Krebs – und dann?

    Der Weg zurück ins Leben

Jüngere Menschen erkranken deutlich seltener an Krebs, erhalten die Diagnose aber in einer Lebensphase, in der sie zumeist gerade dabei sind, ihre Position in der Gesellschaft zu finden. Zu dieser Zeit mit dem Tod konfrontiert zu sein, kann das Leben auf den Kopf stellen. Neben den körperlichen Symptomen sind auch die psychischen Probleme nicht zu unterschätzen. Um die Krankheit zu überwinden, bedarf es daher ganzheitlicher Behandlungsansätze, die über die Bekämpfung der Krebszellen hinaus geht.

Der Weg zurück ins Leben

Philipp Markgraf hat gerade die kroatische Grenze passiert. Hinter ihm liegen 100 Kilometer auf dem Fahrrad und 500 Höhenmeter. Es ist Frühlingsanfang und die Sonne strahlt vom Himmel, während ihm der Fahrtwind um die Ohren bläst. Das, was er heute erlebt, wäre für ihn vor fünf Jahren undenkbar gewesen. Undenkbar, weil er damals die niederschmetternde Diagnose erhielt: Keimzellkrebs hinter der Bauchhöhle. Undenkbar aber auch, weil er sich diese Weltreise auf dem Fahrrad vor seiner Erkrankung niemals zugetraut hätte.
Zum Zeitpunkt der Diagnose ist Philipp gerade 24 Jahre alt, frisch verheiratet und Architekturstudent. Seit Wochen hat er Bauchschmerzen – wahrscheinlich eine Spätfolge des Pfeifferschen Drüsenfiebers, denkt Philipp. Dann werden die Schmerzen unerträglich und er muss in die Notaufnahme des nahen Krankenhauses. Diagnose: Krebs. Und plötzlich ist alles anders.
„In dieser Zeit ist in mir ein verblüffender Prozess entstanden“, berichtet Philipp. „Sicher hat der Moment der Diagnose einen Schock hervorgerufen. Doch habe ich im Anschluss eine unbeschreibliche Leichtigkeit verspürt, die mich dann eine ganze Zeit begleitete. Alle Pläne und Vorstellungen, die sich über die Jahre in meinem Leben ansammelten, waren einfach weg. Ich habe nur von Tag zu Tag gelebt.“

Was ist Krebs?

Krebs ist eine Krankheit, bei der Körperzellen unkontrolliert wachsen und dabei in gesundes Gewebe eindringen bzw. dieses verdrängen und zerstören. Diesen Vorgang nennt man Metastasenbildung. In den meisten Fällen entstehen dabei Zellansammlungen, die als bösartige (maligne) Tumore bezeichnet werden. Viele Organe können von verschiedenen Krebsarten betroffen sein, aber auch bösartige Erkrankungen wie Leukämie (Blutkrebs) werden darunter gefasst. Krebs entsteht, wenn sich bei der Neubildung von Zellen die Gene verändern und nicht mehr repariert werden können. Bei den meisten Krebsarten steigt diese Gefahr mit dem Alter, da die Reparatur der Gene immer schlechter gelingt.

Vielfältige Reaktionen auf die Diagnose Krebs

Angela Grigelat kennt diese, aber auch viele andere Reaktionen auf die Krebsdiagnose. Sie behandelt in ihrer Münchener Psychotherapiepraxis mit Schwerpunkt Psychoonkologie seit über zehn Jahren Krebspatienten. „Früher sind die Leute dann gekommen, wenn es nicht mehr ging, also wenn die Krankheitsbewältigung nicht mehr funktioniert hat oder gescheitert ist“, erzählt Grigelat. Mittlerweile komme es jedoch häufig vor, dass sich Patienten bereits kurz nach der Diagnose bei ihr melden. Dabei lasse sich eine ambulante Psychotherapie während der Akutbehandlung kaum unterbringen. Gleichwohl gebe es den Patienten ein gutes Gefühl, jemanden auf „Stand-by“ zu haben, der sich um ihr seelisches Wohlbefinden und um ihre psychischen Probleme kümmert, die im Kontext der krisenhaft erlebten Krebserkrankung entstehen können. Häufig kämen die Patienten im Anschluss an die Akutbehandlung zu ihr, wenn Raum für die psychische Belastung entsteht: „Oftmals wird von den Patienten erwartet, dass sie nun geheilt seien und wie Phönix aus der Asche ihren Alltag wieder in Angriff nehmen. Ihnen geht es aber häufig noch längst nicht gut.“

Psychoonkologie – was ist das eigentlich?

Die Psychoonkologie umfasst in erster Linie Beratung und Interventionen, die auf die psychologischen und sozialen Faktoren in der Entwicklung und im Verlauf einer Krebser­krankung abzielen. Ein besonderes Augenmerk richten sie auch auf die Krankheitsverar­beitung.
In Universitätskliniken, Fachkliniken, Krankenhäusern und Reha-Kliniken mit onkologischem Schwerpunkt gibt es Psychoonkologische Dienste (PODs), die sich für krebskranke Menschen engagieren. Im ambulanten Bereich übernehmen diese Aufga­ben unter anderem psychosozialen Krebsberatungsstellen. Diese Beratungsstellen bieten häufig selbst erste psychologische Hilfen an und verweisen an geeignete Ansprechpartner im Umkreis des Wohnortes der Patienten, wenn der Wunsch nach einem konkreten und längerfristigen Therapieangebot besteht.
Quelle: Bayerische Krebsgesellschaft e. V. und Krebsinformationsdienst, Deutsches Krebsforschungszentrum

Wenn der Krebs unbesiegbar ist

Obwohl ein Großteil der Krebspatienten keine ausgeprägten Belastungssymptome oder eine psychische Störung entwickeln – punktuelle Ängste und Traurigkeit sind übliche Reaktionen auf die Diagnose Krebs, in den Monaten der Akutbehandlung ebenso wie in der Zeit danach. „Angst bleibt ein Lebensthema“, erklärt die Psychoonkologin, „die Rezidivgefahr, also die Gefahr, dass der Krebs zurückkommt, ist lebenslang und damit nach erfolgreicher Behandlung nicht abgeschlossen.“ Manchmal müsse sie aber auch Patienten begleiten, die unheilbar erkrankt sind: „Wenn keine Hoffnung auf Heilung bleibt, ist das immer ein wahnsinnig schwieriger Moment. Ich erlebe aber oft, dass der Abschied in Würde, Tapferkeit und Liebe vollzogen wird. Es bedeutet für die Patienten unendlich viel, wenn man nicht einfach wegläuft, sondern in aufrichtiger Weise im Gespräch mit ihnen bleibt.“

Junge Menschen und Krebs

Philipp hatte Glück. Zunächst erhielt er Chemotherapien, die bei ihm, wie meistens, heftige Nebenwirkungen auslösten. Anschließend wurde der Tumor operativ entfernt. Das ging nicht ohne Komplikationen und Risiken, erzählt Philipp: „Es war von vornherein klar, dass der Tumor bei mir nur teilweise durch Chemotherapie behandelbar wäre und im Anschluss der Rest operativ entfernt werden müsse. Der operative Eingriff war sehr intensiv. Sechs Stunden brauchte das Chirurgenteam.“ Der Krebs in den Lymphkonten aus dem hinteren Bauchraum hatte sich vermehrt, sogenannte Metastasen gebildet. Erschwerend kam hinzu, dass die Hauptschlagadern stark eingewachsen waren, bei einer Operation aber auf keinen Fall beschädigt werden dürfen. Philipp weiß daher, dass es knapp war: „Später teilte mir der Chirurg mit, dass sie erfolgreich waren. Andernfalls hätten sie mir das nicht mehr mitteilen können.“
Junge Patienten wie Philipp haben zumeist gute Überlebenschancen. Immerhin 80 Prozent erholen sich von einer Krebserkrankung in vergleichbarem Alter. Dafür haben junge Krebspatienten mit Themen zu tun, die bei den meisten älteren Krebserkrankten keine so große Rolle spielen: Eine erschütterte oder zerstörte Lebensperspektive, aber auch körperliche Problemen wie dem Verlust der Fruchtbarkeit. So müssen sie manchmal nicht nur die Diagnose Krebs verarbeiten, sondern innerhalb weniger Wochen entscheiden, ob und wie sie später noch Kinder bekommen wollen. Außerdem bekommen viele Probleme mit ihrem sozialen Umfeld, erklärt Angela Grigelat: „Während alle fröhlich sind und Party machen, werden sie zum Außenseiter. Sie fühlen sich dann oft allein mit dem Thema.“

Video: Philipp Markgrafs Rat an junge Krebspatienten

Video: UKV

Wie Angehörige helfen können

Umso wichtiger ist die Unterstützung durch die Angehörigen – das gilt für junge wie auch ältere Krebspatienten. Grigelat erlebt die Angehörigen oft als sehr aufgeklärt über die Krankheit und deren Behandlungsmethoden. Sie entwickelten ungeheure Kräfte, um für ihren Partner, ihr Kind, ihren Elternteil da zu sein: „Dabei ist die Belastung der Angehörigen an den Knotenpunkten, zum Beispiel kurz nach der Diagnose oder am Ende der Behandlung, tatsächlich oft genauso hoch wie bei den Patienten.“ Eine Krebserkrankung gleiche einem Marathon, den die Angehörigen mitliefen: „Dabei liegt die ganze Energie bei den Betroffenen und die Angehörigen kommen manchmal zu kurz. Umso wichtiger ist es, dass sie sich auch um sich selbst kümmern.“

4 Tipps für Angehörige

  • Selbstfürsorge: Unterstützung in Form von Beratung oder professioneller Hilfe suchen, Interessen und Hobbys beibehalten, ausreichend Erholungszeit zum Stressausgleich einplanen.
  • Zuhören: Respektieren, dass der Betroffene anders mit der Erkrankung umgeht als man das selbst tun würde. Sich mit vorschnellen Ratschlägen zurückhalten. Dem Betroffenen beispielsweise die Entscheidung überlassen, ob man zu einer Nachsorgeuntersuchung mitkommen soll.
  • Gemeinsam Inseln des Wohlbefindens finden: Regelmäßig schöne Dinge zusammen erleben. Dazu kann es sinnvoll sein, etwa einen krebsfreien Abend einzuführen, an dem nicht über die Krankheit gesprochen wird.
  • Gefühlsschwankungen zulassen: Die Befindlichkeit der Betroffenen schwankt oft enorm. Es kann den Erkrankten helfen, auch negative Gefühle zuzugestehen und sich selbst und den Betroffenen zu erlauben niedergeschlagen zu sein.

Eine ganzheitliche Sicht auf die Krebserkrankung

Letztendlich hat Philipp einen Weg gefunden, den Krebs nicht nur körperlich, sondern auch psychisch zu besiegen. Und das, obwohl die Prognosen nach der Operation nicht gut standen. Die Rezidivgefahr war hoch, er galt als Hochrisikopatient. Das Leben gerettet haben ihm zunächst die Chemotherapien und die Operation. Dank einer Ernährungsumstellung, der Entdeckung des Radsports und der täglichen Meditation habe er jedoch erst wieder ganz ins Leben zurückfinden können.
Dabei hat er intuitiv die Empfehlungen vom Kompetenzzentrum für Komplementärmedizin und Naturheilkunde (KoKoNat) der Technischen Universität München befolgt. „Ganz wichtig ist zunächst, ein normales Körpergewicht zu erreichen oder zu erhalten“, betont Axel Eustachi, der als Allgemeinmediziner am Kompetenzzentrum arbeitet. „Auch genug Bewegung und sich um eine gesunde Ernährung zu bemühen, ist wichtig. Dazu zählt ebenso nicht zu rauchen und höchstens ein gelegentlicher Alkoholkonsum. Aus Perspektive der asiatischen Medizin ist auch ein angemessenes Maß an Entspannung von Bedeutung. Achtet man auf diese Aspekte, hat man die stärksten Hebel in der Hand, um Tumore unwahrscheinlicher zu machen.“

So arbeitet das KoKoNat

Unter Komplementärmedizin werden naturheilkundliche Methoden gefasst, die schulmedizinische Behandlungen ergänzen. Beispiele sind klassische Naturheilverfahren oder die Traditionelle Chinesische Medizin.
Ein aktuelles Angebot des KoKoNat richtet sich speziell an Krebspatienten. Beim „Onkologischen Patientenkompetenztraining“ werden in Gruppenarbeit anhand von neun Modulen Themen wie „Ernährung und Bewegung während der Krebstherapie“ oder „Komplementärmedizin bei spezifischen Tumoren“ behandelt.
Das KoKoNat ist eines der weltweit führenden Zentren für Qualitätssicherung, klinische Forschung und Versorgungsforschung im Bereich Naturheilverfahren und Komplementärmedizin. Es gehört zum Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München und besteht aus verschiedenen Abteilungen: Der Forschungsstelle, der Ambulanz und dem ProphylaxeCenter für Naturheilkunde und Gesundheitsförderung. Dieter Melchart leitet das KoKoNat und ist der erste Professor für Naturheilkunde und Komplementärmedizin in Bayern.
Eustachi sieht sich als Brückenbauer zwischen der Schul- und der komplementären Medizin. Dabei würden keineswegs die modernen Behandlungsmethoden einer Krebserkrankung angezweifelt. Vielmehr gehe es darum, diese adäquat zu begleiten. So könnten beispielsweise starke Nebenwirkungen einer Chemotherapie mit komplementärmedizinischen Methoden wie Akupunktur unterstützend behandelt werden.
Das Interesse an der Komplementärmedizin sei von Seiten der Patienten ungebrochen hoch, so der Allgemeinmediziner: „Mindestens die Hälfte aller Krebspatienten wendet solche Methoden an – manchmal auch hinter dem Rücken der behandelnden Ärzte. Nicht alle Maßnahmen bringen etwas, manche können sogar schaden. Es gibt aber Methoden, die in ihrer Wirkung wissenschaftlich gut begründet sind.“ Ziel der Komplementärmedizin sei es, dass die Patienten nach der Krebserkrankung wieder auf die Beine kommen: „Wenn man aktiv etwas dafür tun kann, dass man den Patienten individuell in seiner Regenerationskraft stärkt, dann wird unterm Strich sehr viel mehr zu erreichen sein, als wenn man sich nur auf die Symptomatik konzentriert.“ Das liegt daran, dass jeder anders auf die Krankheit reagiere und damit umgehe: Selbst ein und dieselbe Tumordiagnose mit identischer Prognose unterscheide sich in der Art und Weise, wie die Patienten leiden und auf die Behandlung reagieren.

Weltreise mit dem Fahrrad, dokumentiert im eigenen Blog

Für Philipp war es seine Begeisterung für den Radsport und die Erfahrung, dass das Leben endlich ist, die ihm Mut gegeben haben. Dadurch hat er sich getraut, eine Weltreise zu machen. Mit seiner Reise unterstützt er den Dresdner Förderkreis Sonnenstrahlen e. V., der sich für junge Krebspatienten einsetzt. Er hofft, dass er mit seinem Abenteuer viele Menschen motivieren kann, denen es ähnlich geht wie ihm. Besonders freut er sich auf das Himalaya und auf die Region Ladakh im rauen Norden Indiens. Zwölf Gebirgszüge will er überqueren und hat seinem Blog das Motto „beyond the greatest peaks“ vorangestellt – jenseits der größten Gipfel. Für ihn gilt: Wer einmal dem Tod so nahe war und den Krebs besiegt hat, dem steht die Welt offen.

Personalisierung der Behandlung

Die drei häufigsten Behandlungsmethoden werden oft miteinander kombiniert oder nacheinander angewendet, um die Heilungsmöglichkeiten zu verbessern. Menschen reagieren unterschiedlich auf die verschiedenen Behandlungsmethoden von Krebs. Mittlerweile gibt es Verfahren, mit denen die Krebsart möglichst genau bestimmt wird. Dabei werden sogenannte Biomarker genetisch festgestellt, die eine Vorhersage darüber ermöglichen, welche Behandlung zu welchen Effekten führen wird.