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4. Station der Pflege-Serie: Seniorengenossenschaft Riedlingen

Autonome Altersvorsorge: Zeit sparen für die Zukunft

Alle reden über den demografischen Wandel, aber keiner hat eine Lösung. Aus diesem Gefühl heraus beschloss Josef Martin vor 25 Jahren, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Heute ist seine schwäbische Heimatstadt in Sachen Alters- und Pflegevorsorge ein Vorbild für das ganze Land. Auf der 4. Station unserer PflegeReise durch Deutschland machen wir halt in Riedlingen und besuchen die berühmteste Seniorengenossenschaft Deutschlands. 

Ein ruhiges Rentnerleben? Josef Martin, der gerade seinen 80. Geburtstag gefeiert hat, lacht. Knapp 40 Vorträge hat er im vergangenen Jahr gehalten, sein Telefon steht niemals still und jede Woche klingeln Besucher aus aller Welt an seiner Haustür. Ihre Frage ist stets dieselbe: Wie haben es die Riedlinger geschafft, ihre Alters- und Pflegeversorgung selbst zu organisieren? Josef Martin kann dazu eine Menge erzählen. Schließlich steckt er hinter jener Idee, die Riedlingen ein bisschen berühmt macht. Eine Idee, die ein wenig an Michael Endes Roman „Momo“ erinnert – mit einem Unterschied: Die grauen Herren und Damen von Riedlingen klauen keine Zeit, sondern sparen sie an.
Sie haben sich in einer Seniorengenossenschaft organisiert, die auf dem Prinzip des Hilfetauschs basiert. Die einen brauchen Unterstützung, weil sie alt, krank oder pflegebedürftig sind. Die anderen helfen, indem sie Essen ausliefern, im Haushalt anpacken oder Fahrdienst leisten. Dafür bekommen sie entweder Geld oder Stunden. Letztere werden auf einem Zeitkonto gutgeschrieben und können eingelöst werden, sobald man selbst Hilfe benötigt. So lassen sich unabhängig vom Staat Lücken im sozialen System schließen, die durch schmale Renten, veränderte Familienstrukturen und einem Mangel an Pflegekräften und bezahlbaren Altenheimen entstehen.

Seniorengenossenschaft Riedlingen – ein Konzept, das auf Vertrauen basiert

Das Konzept, das Josef Martin zu diesem Zweck ausklügelte, ist erstaunlich einfach und basiert nicht auf Verträgen, sondern auf Vertrauen. Entwickelt hat es der ehemalige Verwaltungsbeamte vor 25 Jahren. Damals war er Mitte 50 und der demografische Wandel noch nicht in aller Munde. Die Riedlinger aber mussten sich trotzdem damit auseinandersetzen: Zwar besticht ihre Heimat im Donautal mit viel Natur und einer malerischen Altstadt voller Fachwerkhäuser, doch die Region ist wirtschaftlich schwach und bietet jungen Menschen kaum Perspektiven. Deshalb ziehen sie weg. Auch Martins vier Kinder leben heute „von Hamburg bis Freiburg in ganz Deutschland verteilt“. Doch was tun, wenn sich die Angehörigen im Alter nicht kümmern können? Auf den Staat verlassen? Obwohl er selbst seit Jahrzehnten in der Kommunalpolitik aktiv ist, war das für Martin nie eine Option. Sein Credo: Nur wer selbst anpackt, bekommt passgenaue Lösungen. Also tat er sich mit anderen zusammen und gründete die Seniorengenossenschaft. 1991 ging sie mit einer Anschubfinanzierung des Landes Baden-Württemberg als Erste ihrer Art an den Start.

Keine Sozialromantik: Die Seniorengenossenschaft hat sich bewährt

Seitdem ermöglicht das Riedlinger Konzept den Menschen, in den eigenen vier Wänden alt zu werden. Die Mitglieder der Genossenschaft können sich auf individuelle und kostengünstige Hilfe verlassen. Neben den Zeitkonten weist das Modell nämlich eine weitere Besonderheit auf: Die Riedlinger setzen weder auf Angehörige noch auf professionelle Pflegekräfte, die der Masse an Pflegebedürftigen schon jetzt nicht mehr gewachsen sind. Stattdessen engagieren sich ältere, aber noch fitte Menschen. Das Potenzial dieser rentennahen Jahrgänge ist enorm, sie sind die perfekten Kandidaten für bürgerschaftliches Engagement. „Bei uns kümmern sich ältere Menschen um alte Menschen“, erklärt Martin, der heute Vorsitzender der Genossenschaft ist und für sein Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt wurde. „Sie liefern zum Beispiel Essen aus, helfen im Haushalt oder fahren Senioren in ländlichen Gebieten zum Arzt oder zum Einkaufen. Außerdem bieten wir betreutes Wohnen, Tagespflege und eine Einrichtung für Demenzkranke.“ Wer wie viel machen will, kann jeder selbst entscheiden. Ob gegen Geld oder Zeit ebenfalls. „Zeit ist eine Währung, der die Inflation nichts anhaben kann“, sagt Martin, mit Sozialromantik habe das nichts zu tun. Trotzdem lassen sich nur etwa zehn Prozent der Mitglieder ausschließlich in Stunden für die Zukunft bezahlen. Der Rentner sieht das pragmatisch: „Die Idee funktioniert ja trotzdem. Die einen bessern ihre Kasse auf, die anderen bekommen günstig Hilfe.“ Das tun sie tatsächlich: Eine Stunde Haushaltshilfe kostet bei der Seniorengenossenschaft derzeit 9,50 Euro, eine Mahlzeit 6,40 Euro.

Neue Lösungen für Pflegebedürftige: Riedlingen ist überall

Das Konzept hat sich bewährt: Die Stadt Riedlingen hat den Zukunftspreis des Berliner Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung erhalten, die Hälfte der Stadtsenioren hat sich der Genossenschaft angeschlossen und ihr Jahresumsatz liegt bei einer Million Euro. Aktuell hat die Genossenschaft rund 800 Mitglieder, von denen 125 aktiv helfen und 350 Pflegebedürftige das Angebot nutzen. Die Initiative hat international Beachtung und viele Nachahmer gefunden – Martin schätzt, dass es mittlerweile allein in Deutschland etwa 200 bis 300 ähnliche Einrichtungen gibt. Kein Wunder: Vor allem in ländlichen Regionen haben viele Menschen ähnliche Probleme wie in Riedlingen. Wo in den Ferien keine Busse fahren, der nächste Supermarkt eine Viertelstunde entfernt ist und die Kinder wegziehen, sind neue Lösungen für alte Menschen gefragt.
Zeit, Vertrauen, Eigeninitiative: Obwohl die Idee der Seniorengenossenschaft nicht neu ist, wächst das Interesse gerade enorm. Seit der demografische Wandel wie ein Gespenst durch die Medien geistert, Politiker und Forscher unermüdlich vor den Folgen warnen und über Lösungen diskutieren, häufen sich die Anfragen bei Josef Martin. „Seit rund vier Jahren geht das jetzt so.“ Martin hat derweil schon die nächsten Ideen: Er will eine Baugenossenschaft für barrierefreies Wohnen und ein Schulungszentrum für Pfleger realisieren. Beide Projekte stehen schon in den Startlöchern. Es wird wohl noch etwas warten müssen, das ruhige Rentnerleben. Martin lacht. Und dann klingelt auch schon wieder das Telefon.
Veröffentlicht: 24.02.2016

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