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Paul Reichle
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Ausstellung vom 29. Mai bis 18. Juli 1998

Paul Reichle: Retrospektive - Gemälde und Zeichnungen

Paul Reichle (1900-1981) gehört zu jener Künstlergeneration, deren Entwicklung durch Nationalsozialismus und Weltkrieg unterbrochen wurde und der es erst im zweiten Anlauf gelang, ein eigenständiges Werk zu entwickeln. Seine künstlerischen Grundlagen und seine Methodik verdankt Paul Reichle seinem Aufenthalt am Bauhaus in Weimar 1924/25.

Dort besuchte er Vorkurse bei Josef Albers und Laszlo Moholy-Nagy und nahm am Unterricht von Wassily Kandinsky und Paul Klee teil.
Von Kandinsky lernte Reichle die (musikalische) Wirkung der Farben und ihren intuitiven Einsatz, Klee machte ihn mit seiner Gestaltungslehre sowie mit seiner Auffassung von Kunst als Schöpfungsgeheimnis vertraut.

Doch es dauert bis in die fünfziger Jahre, ehe diese Erfahrungen bei Paul Reichle wirksam werden. Im Anschluss an eine Auseinandersetzung mit dem Expressionismus und Kubismus entstehen ab etwa 1950 Gemälde, die von der Natur und ihren Schöpfungen abgeleitet sind.

Reichles Formenwelt ist ebenso märchenhaft-heiter wie phantastisch-geheimnisvoll. In Paris, wo Reichle bereits als Soldat stationiert war, begegnet er 1954 der sogenannten Ecole de Paris, einer losen Gruppe von abstrakten Malern unterschiedlicher Herkunft um Roger Bissière, Serge Poliakoff und Raoul Ubac. Dies führt zu einem geordneteren, verfestigten Bildaufbau, der die atmosphärische Leichtigkeit ablöst.

Ende der fünfziger Jahre setzt sich die Tendenz einer Verflächigung des Bildgefüges fort, der Aufbau der Bilder wird strenger und statischer. Zugleich gewinnt die Sinnlichkeit der Farbe und die Materialität der Oberfläche an Bedeutung; sie wirkt dem Eindruck von Geometrie und Konstruktion entgegen.

Paul Reichles Spätwerk ist gekennzeichnet durch eine enorme Produktion, die mit seiner Pensionierung als Kolorist 1965 einsetzt. Sie wird auch möglich durch die Hinwendung zur schnell trocknenden Acrylfarbe, die Reichles Arbeitsweise entgegenkommt. Reichles Malprozess charakterisieren zahlreiche Übermalungen und Frottagen der Druckerschwärze von Zeitungen. Dieses Vortäuschen von Collagen fördert gegenständliche Assoziationen und rückt Reichles Arbeiten in die Nähe des synthetischen Kubismus.

Paul Reichles Kunstauffassung sieht den Künstler als Organ eines Weltganzen, dem er verantwortlich bleibt. Hierin spiegelt sich der Einfluss von Paul Klee. Diese Ganzheitlichkeit ist jedoch auch für die Künstlergeneration charakteristisch, die auf Faschismus und Krieg mit dem Entwurf einer eigenen bildnerischen Wirklichkeit antwortete. Abstraktion ist für diese Künstler, zu denen Paul Reichle zählt, das Resultat einer wiedererlangten physischen wie geistigen Freiheit.

Die Paul Reichle-Retrospektive, die knapp siebzig Gemälde und Zeichnungen aus allen Schaffensphasen vereint, bildet den Auftakt des neuen Ausstellungskonzepts der Versicherungskammer Bayern. Unter dem „Motto Von der Nachkriegsmoderne zur Gegenwartskunst“ werden in vier Ausstellungen pro Jahr etablierte wie auch noch wenig bekannte nationale künstlerische Positionen der Öffentlichkeit vorgestellt.

Neben den klassischen Ausdrucksweisen (Malerei oder Bildhauerei) werden auch die neuen Medien (Video und Computerkunst) berücksichtigt. Die Ausstellungsprojekte im Foyer der Versicherungskammer Bayer begleitet ein gesondertes Veranstaltungsprogramm.

 
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