Ausstellungszeitraum 03.09.2003 bis 02.11.2003
"mit Wirklichkeit vollgezeichnet" - Ausgewählte Druckgrafik von Alfred Hrdlicka
Anlässlich seines 75. Geburtstags widmet die Versicherungskammer Bayern Alfred Hrdlicka und seinem druckgrafischen Werk eine umfangreiche Retrospektive. Hrdlicka ist Bildhauer und Grafiker in einer Person. Über Jahrzehnte hat Hrdlicka tagsüber plastisch gearbeitet und am Abend gezeichnet und radiert.
Im Zentrum seines Werks steht der handelnde Mensch, den Hrdlicka beobachtet und analysiert. Darin fließen Kindheitserfahrungen im Dritten Reich ein, denn Hrdlickas Eltern wurden damals politisch verfolgt. Ein Leitthema ist daher die zwischenmenschliche Gewalt sowie ihre Folgen. Dabei stellt Hrdlicka nicht nur Begriffe wie Täter und Opfer in Frage. Er zeigt, wie nahe beieinander Leben und Tod sowie Lust und Gewalt stehen und verwickelt den Betrachter in seine Demaskierungsspiele.
Hrdlicka versteht seine Kunst als aufklärerisches Instrument. Hierbei dient ihm der nackte, oft geschundene menschliche Körper als Kommunikationsmittel. Durch die Nacktheit seiner Figuren legt er vor allem das seelisch Verborgene offen.
Die Präsentation im Kunstfoyer der Versicherungskammer Bayern zeigt mit "Haarmann I", "Roll over Mondrian", "Wie ein Totentanz - die Ereignisse des 20. Juli", "Randolectil" und der "Französischen Revolution" die wichtigsten Zyklen, die seit den 1960er Jahren entstanden sind - einige als komplette Folgen. Die Ausstellung entstand in Kooperation mit der Galerie Ernst Hilger, Wien.
Das druckgrafische Werk von Hrdlicka setzt in den frühen 1950er Jahren ein. Seitdem faszinieren ihn die materielle Vielfalt und die stilistische Breite der Gattung. Heute umfasst dieser Werkkomplex über 1.500 Blätter und ist in Themenkreise, Zyklen, Studien und Einzelblätter untergliedert. Hrdlicka zeichnet und radiert wie er denkt: Historie, Gegenwart und Zukunft werden zu anspielungsreichen Bildergeschichten verknüpft.
Lebenslauf Alfred Hrdlicka
| 1928 | Alfred Hrdlicka wird am 27. Februar in Wien geboren |
| 1943-45 | Lehre als Zahntechniker |
| 1944 | entstehen erste plastische Arbeiten |
| 1947 | erste Radierungen |
| 1946-52 | Studium der Malerei und Druckgrafik an der Akademie der Bildenden Künste, Wien (Lehrer: Albert Paris Gütersloh und Josef Dobrowsky) |
| 1953-57 | studiert Hrdlicka Bildhauerei bei Fritz Wotruba in Wien |
| 1960 | erste Ausstellung |
| 1962 | wird er Mitglied der Wiener Secession Beginn der Arbeit am Radierzyklus "Martha Beck" |
| 1963 | leitet Hrdlicka die Bildhauerklasse der Internationalen Sommerakademie in Salzburg |
| 1964 | vertritt Hrdlicka mit Herbert Boeckl Österreich auf der 32. Biennale von Venedig |
| 1965 | der Radierzyklus "Haarmann I" entsteht |
| 1966 | Radierzyklus "Roll over Mondrian" |
| 1967 | Ausstellung von Zeichnungen und Radierungen auf der Biennale Sao Paulo; Hauptpreis der 7. Grafik-Biennale in Ljubljana |
| 1968 | Arbeit am Radierzyklus "Randolectil"; letzte von Hrdlicka verfertigte Drucke entstehen; seitdem stellt Walter Fischer, Wien, fast alle Arbeitsabzüge her |
| 1969 | Radierungen zu "Masse und Macht" von Elias Canetti |
| 1971-73 | lehrt er an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart |
| 1973-75 | wird Hrdlicka an die Hochschule der Künste, Hamburg, berufen |
| 1975 | erneut Lehrtätigkeit in Stuttgart |
| 1978 | wird er korrespondierendes Mitglied der Akademie der bildenden Künste der Deutschen Demokratischen Republik |
| 1979 | Radierungen zu "Tolstoi" |
| 1980 | erhält er von der Stadt Bremen den Preis für zeitgenössische Bildhauerei |
| seit 1980 | Zusammenarbeit mit der Galerie Hilger, Wien |
| 1982 | Enthüllung des Engels-Denkmal in Wuppertal; Ausführung der Bühnenbilder zur Inszenierung von "Faust I" und "Faust II" am Stadttheater Bonn |
| 1986 | Berufung an die Hochschule der Künste, Berlin |
| 1989 | übernimmt Alfred Hrdlicka die Leitung der Meisterklasse für Bildhauerei an der Wiener Hochschule für Angewandte Kunst |
| 1991 | stellt er das "Mahnmal gegen Krieg und Faschismus" auf dem Wiener Albertinaplatz fertig |
| 1993 | erhält Hrdlicka den Max-Pechstein-Preis der Stadt Zwickau |
